[Presse] „Der große Unterschied ist die Motivation“

Kai Baumann will vom Herzogenrather Rat in den Landtag wechseln. Hier haben die Piraten aus seiner Sicht gute Arbeit geleistet.

Herzogenrath. Kai Baumann entkommt man nicht so leicht. Ein Stichwort genügt, und der Pirat ist vielleicht nicht wild – wie von Kasalla besungen –, aber in seinem Redefluss frei und ungebremst. Gleichbleibend ruhig im Ton, beharrlich in den Inhalten: Die Kommunen gelte es mit mehr Geld auszustatten – für Kultur oder Schwimmbäder beispielsweise – und den Menschen ein offenes Ohr zu schenken. Denn die seien zu recht sauer. „Wenn es den Menschen in der Heimat gut geht und man für eine größere Bürgerbeteiligung sorgt, geht es allen langfristig besser“, sagt der 44-jährige Direktkandidat der Piratenpartei. Und schon gelangt er von ehrlichen Chancen für die Menschen zu einem der Lieblingsthemen seiner Partei, zum Grundeinkommen. So schnell geht das. Baumann ist derzeit Ratsmitglied in Herzogenrath und kandidiert erstmals für den Landtag. Auf den fühlt er sich gut vorbereitet: „Eine wichtige Erkenntnis aus der Kommunalpolitik ist, dass es nicht ausreicht, gute Ideen zu haben, sondern dass man auch Unterstützer braucht. Und die findet man vor allem auf den Fluren.“

Trend zum „Kaputtsparen“

Sollte er den „Flur wechseln“, wolle er sich dafür stark machen, den Kommunen nicht nur immer mehr Aufgaben aufzubürden, sondern ihnen auch einen echten Spielraum zu geben, um „gut haushalten zu können“. Derzeit ginge der Trend zum „Kaputtsparen“. Kein Wunder, dass beim Bürger die Frustration zunimmt und sich rechtspopulistisches Gedankengut mit dem Tenor „die Geflüchteten nehmen uns was weg“ breitmacht, findet Baumann.

Seine persönlichen Schwerpunkte innerhalb des Wahlprogramms könnte man mit den Schlagworten „Transparenz und Netze“ überschreiben. Davon abgesehen, dass die Piraten generell für die Rückkehr zu G9 sind und Baumann mehr Geld für Bildung ausgeben würde, wenn er das zu verantworten hätte, plädiert der Landtagskandidat für ein Pflichtfach Informatik. Der Hintergrund: „Die Leute müssen lernen, selbst genauer hinzuschauen.“ Denn die Menschen seien immer weniger bereit für Qualitätsjournalismus Geld auszugeben, stattdessen informierten sie sich eher in ihren „Blasen“ wie Facebook. Das würde nicht zur Wahrheitsfindung beitragen, sondern lediglich einen sich selbst verstärkenden Effekt haben. „Man muss aber den Sender kennen und die Information zu bewerten wissen, die man im Internet findet“, sagt Baumann, damit nicht „Google herrscht“.

Die Hauptschule habe sich zur Resterampe entwickelt, das jetzige Schulsystem sei überholt. „Die Schulform ist egal, man muss nur gefördert werden“, sagt Baumann, der selbst eine Realschule besucht hatte, bevor er zum Gymnasium gewechselt war. Seine Erfahrung: „Der große Unterschied ist die Motivation. Die motorischen Fähigkeiten sind gleich: schnelles Laufen, Ballannahme – ob man in der ersten oder zweiten Liga spielt, hängt nur vom Trainer ab.“

Er fordert deshalb ein „flüssigeres Schulsystem“, mit einer längeren Grundschulzeit und daran anschließend nach Fähigkeiten variierende Kurse. Generell ist der 44-Jährige für einen Ausbau der Infrastruktur – Schulen, Straßen, Netze und der erneuerbaren Energien. „Wir sparen uns kommunal kaputt, was langfristig teuer wird“, so seine Sicht auf die Dinge. Im Internetausbau stünde Deutschland europa- und weltweit auf den hinteren Plätzen, „und Breitband ist bald schon wieder überholt“.

Baumann stammt aus Fulda und war für sein Maschinenbau-Studium nach Aachen gezogen – wo er der Liebe wegen blieb. Inzwischen wohnt er mit seiner Lebensgefährtin und seinem 18-jährigen Sohn in Herzogenrath. Er arbeitet in einem Unternehmen für Energie-Informations-Systeme.

2009 hatte er sein Schlüsselerlebnis, als die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) mit ihrem Werben für das Sperren von Internetseiten zur Bekämpfung von Kinderpornografie in die Kritik geraten war. „Da wurden einem sehr offensichtlich Lügen aufgetischt“, sagt Baumann rückblickend. „Und das ist ja ein Bereich, in dem ich mich auskenne. Wie oft wird man dann erst bei den Themen belogen, in denen man sich nicht auskennt?“, habe er sich gefragt. Damals stand er vor der Entscheidung, entweder weiterhin vor der Tagesschau vor sich hin zu meckern oder etwas zu unternehmen. Er sorgte damals in Aachen mit dafür, dass die Piraten bei der Kommunalwahl antraten. „In allen acht Wahlkreisen haben wir die FDP geschlagen“, lautete sein Triumph. Er selbst konnte nicht antreten, wegen des Wohnsitzes in Herzogenrath. Dort trat er dann 2014 an. Der Rest ist Geschichte. Recht kurze Geschichte, muss man fairerweise sagen.

Ob er persönlich nun den Sprung nach Düsseldorf schafft oder nicht, er sieht die Piraten auf einem guten Weg: „Wir waren sehr fleißig als Piratenfraktion im Landtag.“ Der Rest werde sich zeigen.

Themen und Fragen für die Podiumsdiskussion bei Kolpingsfamilie Alsdorf

Eine Podiumsdiskussion mit Landtagskandidaten des Wahlkreises 3 der Städteregion (Nordkreis) veranstaltet die Kolpingsfamilie Alsdorf. Die öffentliche Veranstaltung beginnt im Castorhaus, Im Brühl 1, 52477 Alsdorf, am Montag, 8. Mai, um 20 Uhr.

Ihre Teilnahme zugesagt haben Eva-Maria Voigt-Küppers (SPD), Hendrik Schmitz (CDU), Eva Maria Malecha (Grüne), Dr. Werner Pfeil (FDP), Kai Baumann (Piraten) und Vanessa Heeß (Linke) und Hans-Jürgen Bauer (AfD). Angefragt ist zudem Guido Hinz (ÖDP).

Fragen und Themen, die Sie, liebe Leser und Leserinnen bewegen, können gerne der Lokalredaktion vorab mitgeteilt werden. Entweder per Brief oder Karte an die Lokalredaktion unserer Zeitung, Luisenstraße 16, 52477 Alsdorf, oder als Fax an die Nummer 02404/5511-49 oder per E-Mail direkt an den Moderator der Podiumsdiskussion, unseren Redakteur Karl Stüber, an die Adresse k.stueber@zeitungsverlag-aachen.de. Ihre Anmerkungen werden bei der Moderation entsprechend berücksichtigt.

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